Viviane Spanoghe zählt seit langem zu den festen Größen des belgischen Musiklebens. Ihre besonderen Verdienste um die zeitgenössische belgische Musik wurden im Jahr 2020 gewürdigt durch die Verleihung des Fugatrofee-Preises der Union Belgischer Komponisten für ihr (bisheriges) Lebenswerk. Sie hat teils eigens für sie komponierte oder ihr gewidmete Werke von Dirk Brossé, Franklin und Jean Gyselynck, Elias Gistelinck, Marc Matthys, Peter Swinnen, Jan Van Landeghem und Annelies Van Parijs u.a. aus der Taufe gehoben bzw. im Konzertleben etabliert. Sie pflegt außerdem die Werke der großen belgischen bzw. belgisch- stämmigen Komponisten der Vergangenheit: François Servais, Paul Gilson, Godfried Devreese, Henri Vieuxtemps und im Besonderen César Franck, Joseph Jongen, Guillaume Lekeu und Albert Huybrechts. Zuletzt hat ihr langjähriger musikalischer Partner, der bedeutende Pianist Andre De Groote, mit dem sie nahezu das gesamte Repertoire für Violoncello und Klavier aufgeführt hat, mehrere Werke für sie geschrieben.
Dementsprechend ist ihre Diskographie so umfangreich wie vielfältig. Den Ersteinspielungen einer Bearbeitung von Beethovens Streichtrio op. 3 (zu dessen Lebzeiten als Duo für Klavier und Violoncello unter der Opus-Zahl 64 veröffentlicht), von George Enescus Nocturne & Saltarello sowie der Sonate Synthétique der kaum bekannten französischen Komponistin Jeanne Barbillion stehen in reicher Zahl Ersteinspielungen von Werken zeitgenössischer belgischer Komponisten, aber auch hierzulande unbekannter armenischer Komponisten oder des maltesischen Komponisten Charles Camilleri gegenüber. Hinzu kommt das breite Repertoire für Cello, sowohl in kammermusikalischer Besetzung als auch Konzerte mit Begleitung des Orchesters. Dieses Repertoire hat sie vermehrt durch eine eigene Bearbeitung von Georg Philipp Telemanns Solo-Sonate in D-Dur für Viola da Gamba aus der Sammlung „Der getreue Music-Meister“. Dass die Einspielung der beiden Cellokonzerte von Dmitri Schostakowitsch mit dem Sinfonieorchester der Sofia Soloists unter Emil Tabakov von 1984 im Jahr 2010, erweitert um zwei Sonaten für Cello und Klavier desselben Komponisten, erneut herausgebracht wurde, verweist auf ihren Referenzcharakter, den ihr auch die internationale Musikkritik bestätigte. Auch andere Aufnahmen, die bei Naxos, Adda, RGIP, Talent und Etcetera erschienen, und besonders ihre Einspielung der sechs Cellosuiten von Bach (bei Solal) fanden hohe Anerkennung.
Zuletzt ist ihr mit ihrem neuen Duo-Partner Jan Michiels eine in die Tiefe gehende Einspielung von Werken von Galina Iwanowna Ustwolskaja und Alfred Schnittke gelungen. Auch die jüngst erschienene CD "French Sonatas" mit Werken von Jean Huré, Jeanne Barbillion und Joseph-Guy Ropartz u.a. legt Zeugnis von ihrer Offenheit, Neugier, Entdeckerfreude, umfassenden Repertoirekenntnis und ihrem untrüglichen Gespür für musikalische Qualität ab.
Ihr künstlerisches Credo entwickelte sie auf der Grundlage dessen, was sie bei ihren Lehrern János Starker und Maria Kliegel kennenlernen konnte: zum Ideal des entspannten, aber bewussten, präzisen und aufrichtigen Musizierens kam die ganz persönliche Note hinzu, kompromisslos der Musik zu dienen und einen individuellen, von tiefer, warmer Sonorität geprägten eigenen „Ton“ zu finden, der es ermöglicht, den der Musik innewohnenden Geist zur vollen Wirkung zu bringen. Dies setzt sowohl absolute Treue zum authentischen Notentext als auch eine intensive Kommunikation mit dem Publikum voraus.
Viviane Spanoghe widmete sich auch vier Jahrzehnte lang intensiv dem Unterrichten, davon 30 Jahre am Conservatoire royal in Brüssel als Professorin für Violoncello und Kammermusik.
Gerne teilt sie weiterhin ihre breite Erfahrung als Konzertmusikerin und Pädagogin mit der nächsten Generation.